Interesse an deutsch-norwegischer Kooperation im Tiefseebergbau wächst Interview mit Michael Jarowinsky, Geschäftsführer, DeepSea Mining Alliance, Hamburg

Am 27. September fand in Berlin das zweite deutsch-norwegische Tiefseebergbau-Seminar statt. Etwa 50 Vertreter von Unternehmen und Institutionen aus beiden Ländern nahmen daran teil. Veranstaltet wurde das Seminar von der DeepSea Mining Alliance, Hamburg, und dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie in Berlin. BusinessPortal Norwegen sprach mit Michael Jarowinsky, Geschäftsführer der DeepSea Mining Alliance, über den Stand und die Perspektiven der Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Norwegen im Tiefseebergbau.

Wie sind Sie auf Norwegen gekommen?
Die Kontakte zu Norwegen bestehen seit Ende vergangenen Jahres, die Beziehungen sind also noch sehr frisch. An der internationalen Tiefseebergbaukonferenz des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) im Dezember 2016 nahmen auch Wissenschaftler und Firmenvertreter aus Norwegen teil. Mit ihnen sind wir ins Gespräch gekommen und haben festgestellt, dass wir die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit ausloten sollten. Ende Mai fand dann am Rande der internationalen Schiffbaumesse Norshipping in Oslo das erste deutsch-norwegische Seminar zu diesem Thema statt. Jetzt trafen wir uns nach der internationalen Underwater Mining Conference in Berlin wieder.
Unabhängig davon sind die Technisch-Naturwissenschaftliche Universität Norwegen, das Zertifizierungsunternehmen DNV GL und die norwegische Firma MHWirth, ein Hersteller von Bohrtechnik, Mitglied in unserem Verband.

Wie weit ist Norwegen im Bereich Tiefseebergbau?
Die Norweger sind in den Bereichen Forschung und Erkundung schon weit fortgeschritten. Mit dem Projekt „MarMine“ untersuchen sie vor der norwegischen Küste die dortigen Massivsulfid-Vorkommen. Sie testen verschiedene Geräte und erforschen den Meeresboden.
Darüber hinaus sind sie an verschiedenen EU-Forschungsprojekten im Tiefseebergbau beteiligt.

Wo bestehen Möglichkeiten der Zusammenarbeit mit Deutschland?
Deutschland hat von der internationalen Meeresbodenbehörde, einer UN-Organisation, zwei Lizenzen zur Erkundung des Meeresbodens erhalten, eine Lizenz für Massivsulfide und eine Lizenz für Manganknollen. Mit Norwegen reden wir über eine mögliche Zusammenarbeit bei den Massivsulfiden, weil das Land vor der Küste über diesen Rohstoff verfügt und weil bereits interessante Forschungsergebnisse zu den Massivsulfiden vorliegen.
Norwegen selbst besitzt bislang keine internationale Lizenz. Insofern ist für die Norweger die Kooperation mit Deutschland von Interesse, weil die deutsche Firmen und Forschungsinstitute sowie deutsche Forscher unter Leitung der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe eben auch im Bereich Massivsulfide arbeiten.

Gibt es schon konkrete Vereinbarungen?
Wir reden jetzt über die Möglichkeit gemeinsamer Projekte, das braucht aber Zeit. Am Ende muss eine Kooperation für beide Seiten Sinn machen. Wir sind beispielsweise auch mit Frankreich, Belgien und Polen im Gespräch. Mit jedem Land sehen die Konstellationen anders aus. Einmal liegt die Zusammenarbeit mehr im Interesse von Forschungsinstitutionen, einmal mehr im Interesse von Unternehmen. Mit einem Land reden wir über Manganknollen, mit dem anderen über Massivsulfide. Im Bereich polymetallische Krusten, dem dritten abbaubaren Rohstoff in der Tiefsee, ist Deutschland bislang nicht aktiv.
Alle Seiten schauen, wo man sinnvoll anknüpfen kann. Und dann muss man natürlich sehen, welche finanziellen und personellen Ressourcen zur Verfügung stehen.
Konkret haben wir bei unserem jüngsten Treffen über einen gemeinsamen Komponententest geredet. Das heißt, dass man Teile eines Gesamtsystems gemeinsam testet, zum Beispiel vor der norwegischen Küste. Auch ein Test im deutschen Lizenzgebiet für Massivsulfide im Indischen Ozean wäre möglich. Es gibt von beiden Seiten Interesse. Nun müssen wir sehen, wo es am besten passt.

Was genau heißt Komponententest?
Es gibt noch keinen kommerziellen Tiefseebergbau. Vor der Küste Namibias werden in einer Tiefe von 100 bis 120 Meter Diamanten gefördert. Das ist aber kein wirklicher Tiefseebergbau. Bei den genannten Rohstoffen sprechen wir von mehr als 2.000 Metern Wassertiefe. Das Ziel wäre ein gemeinsamer Test der verschiedenen Komponenten und Technologien, die für einen späteren Abbau benötigt werden. Dazu gehört auch das Umweltmonitoring. Ein möglicher späterer Abbau selbst spielt sich ja am Meeresboden ab und hat natürlich Auswirkungen auf die Umwelt. Diese wollen wir natürlich so gering wie möglich halten. Es soll ja nichts kaputt gemacht werden.

Wann rechnen Sie mit diesem Test?
Ein halbes bis ein dreiviertel Jahr brauchen wir noch für die Vorarbeiten. Erst dann kann die Entscheidung fallen, ob wir das Projekt gemeinsam angehen. Dann wird es noch einmal ein bis eineinhalb Jahre bis zum Komponententest dauern.
Bis zum Abbau von Rohstoffen in der Tiefsee muss viel getestet werden. Für die internationalen Gebiete fordert die Meeresbodenbehörde nach dem UN-Seerecht einen vorherigen erfolgreichen Pilot Mining Test. Ein solcher Test kostet 150 bis 200 Millionen Euro.

Lohnt sich der Aufwand?
Beim Tiefseebergbau geht es um die Metalle, die am Meeresboden liegen: Industriemetalle, Hightech-Metalle bis hin zu Gold und Silber, Nickel, Kobold – alles polymetallische Rohstoffe, denn in jedem Rohstofftyp stecken sechs bis sieben verschiedene Metalle.
An Land sind die besten Lagerstätten ausgefördert, man fördert nur noch ein Metall wie Kupfer, Nickel oder Kobold und produziert sehr viel Abraum. In Chile erzeugt man bei der Kupferförderung beispielsweise 99,5 Prozent Abraum.
Deutschland importiert in jedem Jahr Metalle im Wert von 35 bis 40 Milliarden Euro, weil die Industrie die Metalle braucht. Ein Abbau im Meer kann diesen Bedarf natürlich nicht befriedigen, aber doch eine gewisse Versorgungssicherheit geben. Im deutschen Lizenzgebiet für Manganknollen im Pazifik lagern auswählte Metalle wie Kupfer, Nickel und Kobalt im Wert von über 40 Milliarden US-Dollar.

Wer sollte den Abbau am Meeresboden übernehmen? Deutschland hat keine Rohstoffkonzerne.
Das ist richtig, Preussag und die Metallgesellschaft gibt es nicht mehr, Deutschland hat sich aus der Rohstoffindustrie leider weitgehend zurückgezogen.
Wir haben keinen Bergbaukonzern – das ist ein Grund für unsere internationalen Kontakte. Allein der englische Name unseres Verbandes zeigt, dass wir an internationalen Partnerschaften interessiert sind. Ein gemeinsamer Abbau kann über ein Konsortium erfolgen. Bei Norwegen fällt mir z.B. Statoil ein, bei Frankreich z.B. der Bergbaukonzern Eramet. Diese Konzerne wären dazu in der Lage, weil sie über Technologien verfügen, die bei der Förderung von Öl und Gas im Meer bereits erprobt sind, sowie im Landbergbau. Sie sind momentan in diesem Bereich aber noch nicht engagiert.
Bei den Ausrüstungen und Technologien haben wir kein Problem. Es gibt in Deutschland viele Maschinenbaufirmen, die fast die ganze Technologiekette vom Förderschiff bis zu den Unterwassertechnologien abdecken können.
Allerdings: Ein Projekt kostet mehr als eine Milliarde Euro. Diese Investitionen müssen erst einmal möglich sein. Das macht ja keiner zum Selbstzweck.
Deutschland hat vielleicht keine Rohstoffkonzerne, aber es gibt genug große Konzerne, die die Metalle brauchen: Bosch, Siemens, Bayer, BASF, ThyssenKrupp. Wir müssen sie überzeugen, dass sie bereit sind, den Tiefseeabbau als zusätzliche Versorgungsoption zu betrachten.

Was sind Ihre Prognosen – wann werden erstmals Rohstoffe in der Tiefsee abgebaut?
Das erste kommerzielle Projekt zum Abbau von Sulfiden wird wahrscheinlich Papua-Neuguinea mit der kanadischen Firma Nautilus Minerals auf der Basis eines bilateralen Vertrages realisieren. Im Augenblick wird dafür ein Spezialschiff in China gebaut. Dieses Projekt wird wahrscheinlich 2019 starten.

Umweltorganisationen stemmen sich gegen den Tiefseebergbau.
Deutschland ist nicht immer aufgeschlossen für neue innovative Technologien, wir spüren leider eine gewisse Technikfeindlichkeit. Es wird meist vergessen, dass Deutschland ein Industrieland ist. Unser Wohlstand kommt aus der Industrie, der fällt nicht vom Himmel.
Aber es ist richtig: Am Ende wird keine Firma in den Tiefseebergbau einsteigen, wenn es nur noch Protest gibt. Wir haben das am Bespiel Fracking erlebt und an der Abspaltung und Speicherung von Kohlendioxid und erleben es jetzt mit den Stromtrassen.
Die Norweger zeigen uns gerade, dass es sehr wohl möglich ist, CO2 unterirdisch zu in früheren Offshore-Lagerstätten speichern.
Natürlich könnte Deutschland sagen: Wir geben die Lizenzen zur Erkundung des Meeresbodens zurück. Wir hatten tatsächlich mit dem Bundesumweltamt und mit NGOs Diskussionen in dieser Richtung. Wenn wir weitermachen, können wir höchste internationale Standards für innovative und nachhaltige Technologien setzen. Wenn wir aussteigen, überlassen wir Ländern wie Indien und China das Feld, wo die Umweltstandards garantiert nicht so hoch sind wie in den europäischen Ländern.

Wann treffen Sie die norwegischen Forscher wieder?
Wir sind ständig im Gespräch.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jutta Falkner.

Kontakt:
DeepSea Mining Alliance, Hamburg
Tel.: +49 (0)40 – 7675 879-2
info@deepsea-mining-alliance.com
http://www.deepsea-mining-alliance.com/de-objectives.php

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